Wie Künstliche Intelligenz die Rolle von Softwarearchitekt:innen verändert
Wie KI-Systeme den Werkzeugkasten für Softwarearchitekten erweitern und was das für die Praxis bedeutet | Ein Artikel von Sönke Magnussen
Die Architektur wird intelligent – und komplexer
Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) verändert nicht nur unsere Vorstellung davon, was Software leisten kann, sondern greift tief in das Selbstverständnis derjenigen ein, die diese Software entwerfen: die Softwarearchitekt:innen. Wo früher architektonische Arbeit vor allem bedeutete, technische Strukturen entlang klassischer Software mit ihren Bausteinen, Schnittstellen deren Zusammenspiel zu gestalten, steht heute die Integration von Komponenten im Raum, die aus komplexen und nur schwer bis gar nicht interpretierbaren Domänenmodellen bestehen. Diese werden per Machine Learning aus Daten angelernt und können und müssen sich mit der Zeit immer wieder verändern und neu angelernt werden. Die Architektur solcher Systeme stellt neue Anforderungen – nicht nur in technischer, sondern auch in methodischer Hinsicht.

Der klassische Werkzeugkasten wächst
Mit dem Einzug von KI in den Werkzeugkasten der Softwareentwicklung wird der klassische Entwurfsprozess um eine entscheidende Dimension erweitert. KI-gestützte Komponenten folgen nicht mehr nur festgelegter Logik, die durch den Quellcode interpretierbar ist, sondern verhalten sich datenabhängig, dynamisch und zum Teil auch unerklärbar. Diese Erweiterung des Handlungsspielraums eröffnet faszinierende Möglichkeiten: IT-Systeme werden flexibler, anpassungsfähiger und in vielen Fällen deutlich leistungsfähiger als ihre rein regelbasierten Vorgänger. Gleichzeitig wächst jedoch auch die Verantwortung der Architekt:innen, diese Systeme nachvollziehbar und sicher zu gestalten, denn solche Systeme reagieren probabilistisch und die Unsicherheit solcher Systeme muss in anderen Komponenten und in der Benutzerschnittstelle berücksichtigt werden.
Hybride Systeme erfordern neue Denkweisen
Immer deutlicher wird, dass KI kein Sonderfall oder add-on ist, sondern zunehmend integraler Bestandteil von Systemarchitekturen. Klassische Strukturen wie Schichtenarchitekturen, Microservices oder domänengetriebene Designs werden nicht obsolet, sondern erhalten durch den gezielten Einsatz von KI neue Aufgabenverteilungen. Es entsteht eine neue Art hybrider Systeme, in denen algorithmische Komponenten mit trainierten Modellen interagieren. Die Frage, wo genau die KI verortet wird – ob als Microservice, als eingebettetes Modul oder als externer Dienst (MaaS = Model as a Service) –, ist dabei ebenso architektonisch zu klären wie die Aspekte der Datenanbindung, Zuständigkeit und Verantwortlichkeit.
Architekturarbeit wird dynamischer und datengetriebener
Entscheidend ist dabei weniger die Größe oder Komplexität der KI-Komponente, sondern ihre funktionale Rolle im Gesamtsystem. In vielen Fällen reicht schon ein einfaches Klassifikationsmodell oder eine heuristische Anomalieerkennung aus, um einen hohen Mehrwert zu erzielen. Der entscheidende Punkt ist: Die Fähigkeit, diese Komponenten zielgerichtet in bestehende Softwarearchitekturen zu integrieren, wird zur Kernkompetenz moderner Architekturarbeit. Dabei spielen Fragestellungen eine Rolle, die in der traditionellen Architektur selten im Fokus standen – etwa wie sich Trainingsdaten versionieren lassen, wie Modell-Updates in produktive Systeme integriert werden können, oder wie sich die Leistung eines Modells auch unter veränderten Bedingungen dauerhaft sicherstellen lässt.
Neue Rollen und Verantwortungsbereiche
Mit dieser Entwicklung verändert sich auch das Rollenbild von Softwarearchitekt:innen. Sie sind nicht mehr nur Strukturgestalter:innen technischer Systeme, sondern zunehmend auch Schnittstelle zwischen Datenwissenschaft, Entwicklung, Betrieb und Governance. Sie müssen die Potenziale von KI ebenso verstehen wie ihre Grenzen – und in der Lage sein, diese in konkrete Systementwürfe zu übersetzen. Dabei steht nicht nur die Funktionalität im Vordergrund, sondern auch das Vertrauen in die Systeme. Denn viele KI-Komponenten treffen Entscheidungen, die nicht mehr im Detail nachvollziehbar sind und nicht in allen Fällen korrekte Antworten liefert. Umso wichtiger ist es, auf architektonischer Ebene Transparenzmechanismen, Monitoring, Logging und Absicherung vorzusehen, die den Betrieb dieser Systeme robust und vertrauenswürdig machen.
Der Betrieb wird Teil der Architektur
Hinzu kommt eine betriebliche Dimension, die in der klassischen Softwarearchitektur bisher wenig Beachtung fand. Während klassische Anwendungen primär über Code-Änderungen gepflegt und weiterentwickelt werden, verändern sich KI-Systeme häufig durch neue Daten, aus denen eine neue Modellversion trainiert wird. Der Betrieb eines lernenden Systems verlangt daher neue Strukturen, etwa für kontinuierliches Training, Performanceüberwachung und Modellvalidierung. Hier entstehen mit Konzepten wie MLOps neue Verantwortungsbereiche, die sowohl technische als auch organisatorische Implikationen haben. Architekt:innen sind gefragt, diese Prozesse frühzeitig in ihre Architekturüberlegungen einzubeziehen, um später skalierbare und wartbare Betriebsmodelle zu ermöglichen.

KI als gezielte Entscheidung – nicht als Selbstzweck
Ein zentraler Punkt ist auch die Frage, wann der Einsatz von KI überhaupt sinnvoll ist. Denn nicht jedes Problem erfordert ein neuronales Netz oder ein Sprachmodell. Vielmehr gilt es, den Einsatz von KI-Komponenten gezielt dort zu prüfen, wo Regelbasierung an ihre Grenzen stößt, hohe Datenmengen verfügbar sind oder sich Entscheidungslogiken regelmäßig ändern. Die Fähigkeit, diese Einschätzung fundiert zu treffen, ist eine weitere neue Kompetenz für Architekt:innen – und zugleich ein Feld, auf dem sie strategische Weichenstellungen maßgeblich mit beeinflussen können.
Architektur als Ort der Verantwortung
Nicht zuletzt wirft die Integration von KI auch ethische und regulatorische Fragen auf, die sich direkt auf architektonische Entscheidungen auswirken. Fragen der Fairness, der Erklärbarkeit, der Datensouveränität oder der Energieeffizienz sind keine rein politischen Diskurse mehr, sondern wirken sich auf Systemdesign, Technologieentscheidungen und Betriebsarchitektur aus. Die Architektur wird damit auch zum Ort gesellschaftlicher Verantwortung.
Fazit: Der architektonische Blick auf KI entscheidet über den Erfolg
Die Künstliche Intelligenz ist dabei nicht nur technologische Innovation – sie ist ein kultureller Umbruch in der Art, wie wir Software denken, entwickeln und betreiben. Für Softwarearchitekt:innen bedeutet das eine doppelte Bewegung: Zum einen dürfen sie sich auf neue Werkzeuge und Methoden einlassen, zum anderen müssen sie ihre Rolle und Verantwortung im Kontext dieser neuen Systeme aktiv mitgestalten. Es ist ein Wandel, der nicht nur technologisches Know-how verlangt, sondern auch gestalterischen Mut, kommunikative Fähigkeiten und ein tiefes Verständnis dafür, wie Technologie in Organisationen wirkt.
Die Arbeitswelt von Softwarearchitekt:innen wird sich weiter verändern. Wer KI nicht als Fremdkörper, sondern als gestalterisches Werkzeug versteht, wird in der Lage sein, Systeme zu schaffen, die nicht nur leistungsfähig sind, sondern auch zukunftsfähig – und die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, für den sie letztlich gebaut werden.
Autor:
Dr. Sönke Magnussen ist Softwarearchitekt mit langjähriger Erfahrung in der Transformation komplexer IT-Systeme und der Entwicklung moderner Architekturen mit DDD, Cloud und DevOps. Sein Schwerpunkt liegt auf der Integration von KI – von Klassifikationsmodellen bis zu GenAI-Chatbots. Seine KI-Expertise vertiefte er u. a. durch einen AI-Nanodegree (Udacity) und die Mitentwicklung des iSAQB-Moduls SWArch4AI. Als Trainer und Berater verbindet er technisches Know-how mit strategischem Blick für Softwarearchitektur.








